Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Ein Abend mit der lustigen Witwe

70 Zuschauer, ausverkauft und eine Warteliste, die locker für einen zweiten Abend gereicht hätte. Die Mittwochgesellschaft Meilen hat mit ihrem Dinner-Spektakel vom 8. Mai offensichtlich einen Nerv getroffen, und das im doppelten Sinne: kulinarisch wie kulturell.

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Katharina Willi und Eric Müller sangen und tanzten mitten im Publikum. Foto: MAZ

Gespielt wurde in einer Kurzfassung «Die lustige Witwe» nach der unsterblichen Operette von Franz Lehár in einer Inszenierung von Olivier Tambosi. Und das nicht auf einer fernen Bühne, sondern direkt zwischen den Tischen der charmanten «Fuhrhalterei» in Obermeilen. Das Konzept machte den Abend zu etwas Besonderem. Die vier Akte des Stücks rahmten die drei Gänge des Menüs ein und sorgten dafür, dass zwischen Spargelsuppe, Perlhuhnbrust und Erdbeer-Tiramisu niemals Langeweile aufkam, wobei das Tiramisu zugegebenermassen auch ohne dramaturgische Begleitung überzeugt hätte.

Mehr als eine Liebesgeschichte

Lehárs Operette, 1905 in Wien uraufgeführt, ist weit mehr als eine Liebesgeschichte mit weltbekannten Melodien. Sie ist eine ironisch-komödiantische Auseinandersetzung mit Geschlechterstereotypen, Standesdenken und der ewig menschlichen Unfähigkeit, Stolz und Zuneigung gleichzeitig zu empfinden.

Hanna, die reiche Witwe aus Pontevedro, ist eine Frau, die in einer männlich dominierten Gesellschaft über ein Millionenvermögen verfügt und damit alle Regeln des Spiels durcheinanderbringt. Danilo, der charmante Lebemann, liebt sie, aber sein Stolz steht ihm im Weg, solange er nicht weiss, ob sie ihre Millionen verliert oder behält.

Das Stück treibt dieses Paradox mit Witz und Melodie auf die Spitze, und am Ende siegt, wie es sich gehört, die Liebe, wenn auch auf Umwegen, die das Publikum köstlich amüsierten.

Grosse Stimmen brauchen keine grosse Bühne

Im Zentrum des Abends: Katharina Willi als Hanna, die reiche Witwe, und Eric Müller als Danilo, ihr stolzer Liebhaber. Katharina Willi verkörperte die Hanna mit Spielfreude, stimmlicher Brillanz und einer selbstbewussten Leichtigkeit, die dem Publikum keine andere Wahl liess, als sich sofort in sie zu verlieben. Die Luzerner Sopranistin, die ihren Bachelor an der Zürcher Hochschule der Künste absolvierte und ihre Ausbildung am Schweizer Opernstudio fortsetzte, beweist einmal mehr, dass grosse Stimmen keine grossen Bühnen brauchen.

Eric Müller als Danilo – Ballett-Tänzer, Sänger, Schauspieler und Pädagoge in Personalunion, mit langjähriger Bühnenerfahrung, die ihn von London bis Mannheim geführt hat – spielte den charmesprühenden, aber stolzgeplagten Liebhaber mit einer Selbstverständlichkeit, die man nur auf die Bühne mitbringt, wenn man sie wirklich kennt. Ob er zwischen den Tischen tanzte, sang oder einfach nur schaute, er füllte den Raum, ohne ihn zu dominieren. Szenenapplaus war ihm gewiss.

Geschickt wechselten die Künstler dabei zwischen den Dialekten der Protagonisten und dem vertrauten Schweizerdeutsch, wenn sie das Publikum direkt ansprachen, und lösten damit jede Distanz zwischen Bühne und Zuschauern spielend auf.

Das musikalische Fundament des Abends legte Graziella Contratto am Klavier. Die Schweizer Dirigentin, Musiktheoretikerin und Produzentin, 2006 als erste Frau zur Chefdirigentin eines französischen Staatsorchesters gewählt, begnügte sich jedoch keineswegs mit der Rolle der stillen Begleiterin: Mit sichtlichem Vergnügen trat sie auch als Schauspielerin in Erscheinung und mischte sich ins Bühnengeschehen ein, was dem Abend eine zusätzliche, köstlich unerwartete Note verlieh.

Regie führte an diesem Abend Olivier Tambosi. Der in Paris geborene und in Wien ausgebildete Opernregisseur zählt mit über 140 Inszenierungen weltweit, von der New Yorker Met bis zu den Bregenzer Festspielen, zu den erfahrensten seiner Generation. Seine Handschrift ist die Überwindung von Grenzen zwischen Bühne und Publikum. Sie war bei dieser Aufführung deutlich zu spüren.

Ein Abend, der nachhallt

Am Ende stand verdienter Applaus für einen Abend, der gezeigt hat: Kultur muss nicht in den Konzertsaal. Manchmal reicht ein guter Wein, ein Erdbeer-Tiramisu und eine lustige Witwe, die zwischen den Tischen ihr Herz verschenkt.

www.mg-meilen.ch

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