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Der heilige Martin und der Tabernakel

Ein schwarzer, aufrechtstehender Quader befindet sich seit der Renovation der katholischen Kirche St. Martin im Jahr 1995 seitlich im Chorraum und gibt Rätsel auf.

Der Tabernakel_web
Der Behälter für die geweihten Hostien (links im Bild) ist in der katholischen Kirche Meilen ungewöhnlich ausgestaltet. Foto: zvg

Auf den ersten Blick überrascht es, dass das Kunstwerk von Carlos Matter als Tabernakel dient, also als Behälter für die geweihten Hostien. Es ist kein goldglänzender Schrein voller verspielter Verzierungen, sondern ein schlichter Block mit klaren Kanten, dessen reduzierte Form durch einige fein gestaltete Details belebt wird. Wie ein stiller Wächter erhebt er sich im Raum. Wer ihn nicht als Fremdkörper unbeachtet lässt, sondern nähertritt, um ihn zu betrachten, erhält die Gelegenheit, ihn zu verstehen und innerlich zu betreten.

Anlässlich der 75-Jahr-Feier der Kirche St. Martin ist es angemessen, jenen Menschen ins Zentrum zu rücken, der der Kirche den Namen gegeben hat: Martin von Tours (316 – 397). Der Tabernakel ist eng mit der Person des heiligen Martin verbunden, der durch eine Geste der Menschlichkeit in Erinnerung geblieben ist, indem er seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt hat. Der Tabernakel erinnert an die Rüstung des ehemaligen römischen Soldaten, die hier nicht für Härte, sondern für Schutz und nicht für Krieg, sondern für Verantwortung steht.

Auffällig ist die Anordnung der Elemente. Dort, wo beim Menschen der Kopf ist, leuchtet das ewige Licht als Sitz des Geistes. Es wird wie bei einem Leuchtturm vom unruhigen Wasser aus gesehen und gibt Orientierung und Halt. In der Mitte des Quaders, etwa auf Hüfthöhe, befindet sich das Allerheiligste. Die Hüfte bildet die körperliche Mitte des Menschen. Sie verbindet Stabilität, Bewegung und Gleichgewicht mit dem Bereich des Körpers, aus dem neues Leben hervorgeht. Deshalb gilt der Beckenraum seit jeher kulturell und symbolisch als Ursprung von Lebenskraft und menschlicher Verbundenheit.

Dass genau dort die Eucharistie aufbewahrt wird, die geweihten Hostien, wirkt wie eine Einladung. Das Heilige soll nicht nur über uns schweben, sondern in unserer Mitte gegenwärtig sein. Der Glaube ist nicht bloss Idee oder Tradition. Er will vom Leben getragen werden – im Innersten des Menschen.

Besonders faszinierend ist der Innenraum des Tabernakels. Wände, Boden und Decke sind Spiegel und reflektieren das Licht. Wer hineinsieht, begegnet an diesem sakralen Ort dem Brot des Lebens und zur gleichen Zeit sich selbst, dem eigenen Menschsein. So wie wir sind, mit allem, was uns ausmacht, sind auch wir heiliger Ort und Tempel Gottes. Gerade in einer Zeit permanenter Ablenkung erinnert dieser Tabernakel daran, dass der Mensch nicht nur von äusserem Erfolg lebt. Er braucht einen inneren Raum. Einen Ort der Stille. Einen geschützten Kern.

Seit 75 Jahren steht die Kirche St. Martin für Gemeinschaft im Glauben und im Leben auch über die Grenzen von Konfession und Religion hinaus. Die Symbolik des Tabernakels hilft dabei, das grössere Ganze zu sehen, und betont die Beziehung des Menschlichen und des Göttlichen sowie des Schwachen und des Starken. So dürfen wir uns in all unseren Lebensbelangen getragen und geschützt wissen durch die Verbindung zu unserem innersten und lebendigen, menschlichen und göttlichen Kern.

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