Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
Ostern zeigt nach oben. Es ist ein Fest, das aufrichtet, durch den Tod hindurchgeht, ihn annimmt und darüber hinausweist. Es steht für neue Lebenskraft, die stärker ist als der Tod.

Bevor die Bewegungsrichtung nach oben führt, geht der Weg von Ostern aber nach unten, in eine Tiefe, die weiter reicht als das Grab. Sie führt hinab in die verborgenen Schichten menschlicher Erfahrungen.
Die alte christliche Überlieferung spricht davon, dass Christus nach seinem Tod «hinabgestiegen» ist – nicht nur in das Reich der Toten, sondern in die tiefste Schicht des Menschseins selbst.
Dort begegnet er Adam und Eva. Sie stehen symbolisch für den Beginn des Menschlichen und sind der Anfang für uralte Prägungen und innere Strukturen im Menschen – für das, was in uns allen auch liegt: das Festgefahrene, das Unbewegliche, das Wartende. Wenn Christus Adam und Eva begegnet, erreicht er nicht nur die ersten Menschen, sondern berührt das, was in jedem Menschen verschlossen ist. Ostern geschieht nicht an der Oberfläche des Lebens. Es ereignet sich dort, wo wir längst aufgehört haben, an Veränderung zu glauben.
Diese Vorstellung widerspricht der Idee, dass Erlösung verpasst, wer sie nicht schnell, bewusst, mit grosser Anstrengung und Glaubenskraft anstrebt. Sie kann nicht durch einen Kraftakt erzwungen oder gemacht werden. Erlösung bleibt Geschenk. Kein Bereich ist zu tief, keine Vergangenheit zu alt, keine Verhärtung zu endgültig. Christus steigt hinab – und hebt empor. Die Tiefe der Erde wird so zum Ort der Hoffnung und der Verwandlung. Was tot oder verloren scheint, wird von seinem Licht durchdrungen und neu belebt.
Dieses Jahr haben die reformierte und die katholische Kirche in Meilen gemeinsam das Sujet des Schmetterlings gewählt, das die Osterkerzen ziert.
Das Bild zeigt in hellen Farben einen Schmetterling, in dessen goldener Mitte die Arme des Kreuzes sich treffen. Die vertikale Richtung, die die Tiefe des Erdreiches mit dem Himmel verbindet, ist vereint mit der horizontalen, welche die Menschen aller Zeiten umfasst. Der Schmetterling, hervorgegangen aus der scheinbar leblosen Verpuppung der Raupe, ist ein Wesen von überraschender Leichtigkeit und Schönheit. Wer ihn sieht, spürt Freiheit und Freude. Er ist das Bild für die Verwandlung. Alles, was vorher gebunden oder verschlossen war, wird frei und beweglich.
Der Schmetterling erinnert daran, dass Veränderung möglich ist, ja, dass sie zum Leben gehört. Ostern ist nicht die Abtrennung des Vergangenen, sondern der Vollzug des Übergangs, der Weg aus der Erstarrung in eine neue Lebendigkeit.
Ostern bringt Bewegung mit sich. Hinab in die Tiefe, um blockierte Energien zu befreien, und in die Höhe, um ins Leben zurückzufinden. Es ist wie der Schmetterling, der auf seinem Weg durch die Verpuppung hindurch zur Leichtigkeit und Farbenpracht des Imago gelangt. Diese Symbolik erzählt vom Leben, das aus der Blockade erlöst wird und sich neu entfaltet.
Aus dieser Sicht ist Ostern eine Einladung und Ermutigung, die Tiefe zu betreten, die Angst zu durchbrechen, dem heilenden Licht zu begegnen und sich auf den Weg der Verwandlung einzulassen. Ostern beginnt in der Tiefe, im Dunkel der Erde, und führt in die Höhe neuer Lebenskraft.