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US-Astronaut Terry Virts in Meilen

Einer der gut 600 Menschen, die je im Weltall waren, beehrte Meilen mit einem Besuch. Zu verdanken ist das Marlene Janjöri – und Butler Andy Denk.

«Hello, I’m Terry»: US-Astronaut Terry Virts im Aufenthaltsraum der Tertianum Parkresidenz erhebt sich zur Begrüssung vom Samtsofa. Neben ihm sitzt Marlene Janjöri, strahlend. Die 79-Jährige sieht «spaciger» aus als der Astronaut im klassischen blauen Hemd, sie glitzert geradezu: Ihre Brille ist mit Swarovski-Steinen besetzt und funkelt mit einem silbernen Pullover und silbernen Boots um die Wette, kleine Tattoos zieren ihre Finger. Eines davon zeigt den Planten Saturn mit seinem Ring.

Ein Traum wird wahr

Dass Terry Virts nach Meilen gekommen ist, wo er fast zwei Tage verbringt, ist für Marlene Janjöri die Erfüllung eines Traums. Schon seit jeher interessiert sie sich für den Weltraum, für Astronomie und auch Astrologie. NASA Television schaut sie regelmässig, geht in Gedanken auf Weltraummission und träumt davon, im All zu schweben, seitdem sie nach einem Schlaganfall im Rollstuhl sitzt. Sie hat keine Lust, im Einerlei der Tage zu versinken. «Terry habe ich online gefunden», erklärt sie schmunzelnd. Der heute 55-jährige Terry Virts ist im August 2016 aus den Diensten der NASA ausgetreten und hält seither Referate online oder live, spricht vor Managern genauso wie vor Kindern und schreibt Bücher. Die Reisen ins All (siehe unten) haben seinen Blick auf die Erde verändert. Davon möchte Marlene Janjöri mehr hören.

Dinge verbinden, die nicht zusammengehören

Einen frischen Blick aufs Leben dank Besuch aus dem All: Eine solche Konstellation ist auch ganz im Sinne von Andy Denk. Seit vielen Jahren schon bietet er einen persönlichen Butlerservice an. Seine Spezialität sei es, «Dinge zu verbinden, die eigentlich nicht zusammengehören». Und so unterstützte er nun seine Klientin dabei, den Astronauten zu sich zu holen, denn es sei wichtig, den Schwung im Leben zu behalten, auch im höheren Alter. «Wie ein kleines Mädchen, ganz voller Vorfreude», so sei ihm Marlene Janjöri bei den Vorbereitungen vorgekommen, erzählt er.

Mit 8 km/s über die Alpen

Inzwischen sind Terry und Marlene schon mitten im Gespräch, auf Englisch. Er berichtet davon, wie er nach seinem Start mit dem Spaceshuttle Endeavour in Florida in seinen allerersten Minuten im All ausgerechnet die Schweiz zuerst bewusst wahrgenommen habe, aus einer Höhe von gut hundert Kilometern. Es war Winter, die schneebedeckten Alpen leuchteten. «Wir überquerten die Berge mit einer Geschwindigkeit von acht Kilometern – pro Sekunde!» Die Gipfel und Täler seien nur so vorbeigeflitzt.

Ländergrenzen erkennt man aus dem All keine, aber er habe klar gesehen, wo auf der Erde Wohlstand herrsche. Nämlich dort, wo das Licht ist. Während einige Regionen leuchten wie Sterne, sind andere, wie etwa Afrika, fast komplett dunkel. «Energy is the key to everything», sagt Terry Virts. Deshalb unterstützt er jetzt Projekte für erneuerbare Energien und ist drauf und dran, eine eigene Firma für grüne Energie zu gründen, die den Namen «Endeavour» tragen soll, wie der Space Shuttle, den er einst pilotierte.

Übrigens sei es ziemlich harte Handarbeit gewesen, die Raumfähre zu steuern: «Da war nicht viel Zeit, um aus dem Fenster zu schauen.» Die Kuppel der Internationalen Raumstation ISS mit ihren sieben Fenstern habe er aber oft und gerne aufgesucht, das Licht an Bord gelöscht und ins All mit seinen unendlich vielen Lichtern gestaunt, wobei er nur die Geräusche der Ventilatoren im Raum gehört habe.

Enttäuscht von den russichen Kollegen

Auch auf die Politik kommen die gebürtige Deutsche Marlene und der Amerikaner zu sprechen. Terry Virts hat die internationale Zusammenarbeit im All immer als reibungslos empfunden. Er spricht Russisch und war ausgerechnet während der Krim-Krise 2014 mit russischen Kosmonauten in der ISS, «und wir machten einfach unseren Job.»

Inzwischen sei er von vielen der ehemaligen Kollegen sehr enttäuscht, «es ist abwärts gegangen mit ihnen.» Im Ukrainekrieg positioniere er sich klar auf Seiten der Demokratie, «ich glaube, ich wäre kein guter Politiker, ich bin viel zu direkt». Gleichzeitig seien natürlich im All Freundlichkeit und «social skills» sehr wichtig. «Bei der Auswahl unter Tausenden von Bewerbern, die alle gleichermassen intelligent, gebildet und fit sind, ist es letztlich das, was den Ausschlag gibt», sagt Virts.

Andreas Vollenweider kam auch zu Besuch

«Mein Mann hätte sich gut mit Ihnen verstanden», lobt Marlene Jöri. Sie vermisse ihn noch immer. Carl Janjöri ist vor fünf Jahren verstorben. Er war sehr vielseitig interessiert, ist als Bauernbub in den Bergen aufgewachsen und hat sich hochgearbeitet. Ein Selfmademan, der schliesslich eine hohe Stelle in der Bankenwelt bekleidete und gemeinsam mit seiner Frau viel reiste, unter anderem mit der legendären Concorde. 50 Jahre waren Janjöris verheiratet.

Nachdem Marlene Janjöri «ihren» Astronauten quasi privat genossen hat – er ist übrigens gemeinsam mit Freundin Jannicke angereist und hat anschliessend noch einen Auftritt im Verkehrshaus Luzern – «teilte» sie ihn bei einem Vortrag mit den Bewohnern der Parkresidenz und geladenen Gästen, und fürs Dinner hat sich sogar Musiker Andreas Vollenweider samt Harfe mit einer Performance angekündigt.

Als nächstes ist eine Heissluftballonfahrt geplant

Butler Andy Denk ist auch schon wieder am Planen: Im Sommer möchte Marlene Janjöri die Alpen überqueren, und zwar mit einem Heissluftballon. Zur Fahrt eingeladen ist auch Terry Virts. Der verspricht, es – vielleicht – möglich zu machen. «Dann sind wir aber nicht mit acht Kilometern pro Sekunde unterwegs, sondern mit acht Kilometern pro Stunde!»

Mehr als ein halbes Jahr im All

Der amerikanische Astronaut Terry Virts hat 212 Tage im All verbracht, davon über 19 Stunden bei Einsätzen ausserhalb des Raumschiffs. Er war an zwei Missionen beteiligt. Bei der ersten war er Pilot auf der Raumfähre Endeavour der NASA und verbrachte im Februar 2010 zwei Wochen auf der ISS. Im Dezember 2014 führe ihn seine zweite Mission mit dem Raumschiff Sojus erneut zur ISS, wo er zuerst als Bordingenieur zum Einsatz kam (Expedition 42), dann ab März als Kommandant der ISS-Expedition 43. Er kehrte am 11. Juni 2015 zur Erde zurück.

Virts blickt auf über 5300 unfallfreie Flugstunden in mehr als 40 unterschiedlichen Luftfahrzeugen zurück. Das einzige Luftfahrzeug, an dessen Steuer er je einen Unfall zu beklagen hatte, war eine Drohne, deren Fernsteuerung versagte. Er ist Vater von zwei Kindern.

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