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Schäbiger Vorwurf

Mit tiefer Faszination habe ich den Leserbrief von Andi Kämmerling über das angebliche Verkehrschaos vor der Ballettschule («Im toten Winkel», Meilener Anzeiger vom 13. Mai) gelesen.

Man muss im Leben Prioritäten setzen – und die Priorität des Autors scheint glücklicherweise darin zu bestehen, mit der Stoppuhr am Fenster zu hängen, um den Alltag hart arbeitender Eltern im Minutentakt zu protokollieren. Schön, wenn man im Alltag so viel ungenutzte Freizeit hat!

Die lückenlose Überwachung von SUVs, Tütüs und rückwärtsfahrenden LKWs lässt tief blicken. Früher nannte man so etwas schlicht Blockwart-Mentalität oder Denunziantentum, heute verkauft man es uns wohl als Sorge um die Allgemeinheit. Dass dabei die Polizei, die völlig zu Recht Augenmass beweist, auch noch belehrt wird, setzt dem Ganzen die Krone auf.

Besonders schäbig ist jedoch der pauschale Vorwurf gegen Eltern, denen das Wohl ihrer Kinder angeblich «egal» sei. Wer Kinder nach dem Ballett zügig abholt, tut dies meist nicht aus Faulheit, sondern weil der Spagat zwischen Beruf, Familie und Freizeitlogistik kein Zuckerschlecken ist. Aber das sieht man aus der gemütlichen Perspektive des ewigen Fensterguckers natürlich nicht. Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, täte Herrn Kämmerling ein bisschen mehr Gelassenheit gut. Leben und leben lassen!

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