Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Neulich in Meilen: Sachen gibt’s!

Neulich sass ich in der Bar und trank ein Bier. Roger war nicht da, dafür hielt mir Carla ihr Weinglas entgegen. «Schön, dich wiedermal zu sehen», meinte ich beim Anstossen.

«Wie geht’s dir so?» – Carla versicherte mir, dass es ihr gut gehe. Dann begann sie zu erzählen. «Ich war übers Wochenende bei Verwandten in Deutschland.» – «War’s gut?» – «Wir haben einen Ausflug in ein Dorf bei der holländischen Grenze gemacht.» – «Klingt interessant.» – «Wir sind ein wenig durchs Dorf spaziert. Ist nicht gross. Da ist man schnell am anderen Ende angelangt.» – «Ich habe das Gefühl, deine Geschichte ist noch nicht zu Ende.» – «Das Interessante war: Mitten durch das Dorf verläuft die Grenze zwischen Deutschland und Holland. Und zwar buchstäblich in der Mitte einer Strasse. Du kannst also auf der deutschen Seite die Strasse runter- und auf der holländischen Seite wieder zurückgehen.» – «Im Ernst?» – «Wenn ich’s dir doch sage. Während des Kriegs wurde der Grenzzaun auf der Mittellinie der Strasse gezogen.» – «Sachen gibt’s!» – «In der Kirche dann haben wir eine Frau getroffen, die uns eine kleine Führung gab. Sie erzählte, dass beim Bau der Kirche vor rund einhundertfünfzig Jahren natürlich die Zahl der Ziegel berechnet wurde. Anschliessend wurden diese in einer nahegelegenen Ziegelei bestellt. Auf holländischer Seite.» – «Da scheint das Nachbarschaftsverhältnis noch intakt gewesen zu sein.» – «Genau. Beim Bau haben sie dann aber gemerkt, dass die Ziegel nicht reichen.» – «Haben die Holländer zu wenig geliefert?» – «Ganz und gar nicht. Nur, sie haben die Ziegel nach preussischem Mass berechnet. Gebrannt aber wurden sie nach holländischem Mass, das etwas kleiner war.» – «Europa lässt grüssen.» – «Sie mussten also noch Ziegel nachbestellen.» – «Masse und Sorten, das war doch schon in der Primarschule ein Problem, das uns beschäftigte.» – «Alle waren guten Willens und haben sich doch missverstanden, das fand ich dabei so interessant. Und in diesem Fall auch lustig.» Wir bestellten noch eine Runde. Als auch die ausgetrunken war, bezahlte ich, verabschiedete mich von Carla und rief zu Jimmy: «Bis in einer Woche!» Und er antwortete: «Bis nächste Woche.» Ich trat in den dunklen Novemberabend hinaus und staunte über Carlas Erzählung. Da wohnt man so nah beieinander und ist sich gleichzeitig so fern. Sachen gibt’s!

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