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Eigentlich verletzen wir unsere eigenen Regeln, wenn wir in dieser Serie auch die Trotten behandeln, denn sie waren in ihrer dominantesten Phase alles andere als klein.
Indes gehörten sie damals zum Baubestand des Dorfes wie die vorher beschriebenen Haus-Kategorien, darüber hinaus sind sie teilweise noch heute unübersehbar, und sie haben etwas hinterlassen, was kleiner ist als jeder Kleinstbau.
Verwirrlicher Begriff
Das Wort «Trotte» (gemeindeutsch «Kelter») geht auf althochdeutsch «trota» zurück und erinnert an das ursprüngliche Pressen der Trauben in Form von barfüssigem Treten oder Stampfen. Unter dem Begriff «Trotte» verstand man je nachdem das «Trottwerk», also die eigentliche Obst- oder Weinpresse, oder das ganze betreffende Gebäude, das «Trotthaus». Fixe Regeln für die Architektur von Trotthäusern lassen sich kaum erkennen, ausser dass sie wegen des Trottwerks gross sein mussten. Nur bei sehr grossen Kellern eines Wohnhauses kam es vor, dass das Trottwerk darin Platz fand.
Die Baumpressen
Mit «Baum» ist hier ein wuchtiger, bis zu zehn Meter langer Eichenbalken zwischen vertikalen Stützpfosten gemeint. Die Hebelwirkung des Balkens bewirkte den für das Pressen des Obst- und Weinguts nötigen Druck, verstärkt noch durch den Trottstein, der mittels Spindel an den Eichenbalken angehängt wurde (vgl. Schema). Zum Betrieb einer solchen Presse benötigte man viele Personen, die dann für einen Pressvorgang bis zu zwölf Stunden beschäftigt waren.
Wie viel ein einzelner Trottstein wog, erfahren wir anhand eines Beispiels aus dem Schweizerischen Idiotikon. Dort wird ein solcher von «öppen ain Meter Durchmësser und Höchi» genannt, der «gägen 40 ainfach Zentner G’wicht» gewogen habe; das sind 2 Tonnen.
Eigentums- und Nutzungsverhältnisse
Jakob Widmer hat seinerzeit (Heimatbuch 1961) für 1812 in Meilen nicht weniger als 121 Trotten gezählt und meinte damit 121 Trotthäuser. Wir fragen uns, ob es damals in der Gemeinde wirklich so viele Kolosse von Pressen und damit Häusern gegeben haben kann. Jedenfalls verfügte nicht jeder Weinbauer über eine eigene Trotte, und umgekehrt kamen formelle Trottgenossenschaften in Meilen nur ausnahmsweise vor. Aber viele Bauern besassen durch Erbschaft oder Vertrag Anteile an einer Trotte. Ein extremes Beispiel zersplitterter Eigentumsverhältnisse lautete für 1847 und Feldmeilen wie folgt (Nr. 69 c des «Brandregisters»):
Trotthaus: 2/3 Jakob Bolleter – 1/3 Jakob Sutz
Trottwerk: 2/7 Jakob Sutz – je 1/7 Jakob Bolleter, Heinrich Sutz, Rudolf Sutz, Kaspar Wunderli, Beat Weinmann.
Da musste ausgehandelt werden, wer die Trotte wann und wie lange benutzen konnte.
Das Verschwinden der Trotthäuser
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Baumtrotten und der entsprechenden Trotthäuser ab, denn diese erscheinen in den Akten laufend als «abgetragen» oder «geschlisssen». Dies hat mit dem Übergang zur Spindelpresse zu tun, die viel kleiner dimensioniert war und kein eigenes Gebäude mehr benötigte.
Die Rolle der Spindel
Mit der horizontalen Drehung des hölzernen Spindelgewindes wurden bei der Baumtrotte Trottbaum und Trottstein als Voraussetzung des nachmaligen Pressvorgangs hochgehievt. Bei der Spindelpresse dagegen bewirkte der vom nun metallenen Spindelgewinde erzeugte Druck den Pressvorgang direkt (vgl. Schemazeichnung Baumpresse).
Ehemalige Trottgebäude in Meilen
Leider wurde seinerzeit Meilens letzter, aus dem 17. Jahrhundert stammender Trottbaum auf der Äbleten verkauft und befindet sich heute im aargauischen Schinznach-Dorf; vgl. Text und Abbildung in der «Geschichte der Gemeinde Meilen», S. 217. Bekannt ist auch, dass zum Grünen Hof in Feldmeilen ein ehemaliges Trottgebäude aus dem 18. Jahrhundert gehört; vgl. Abbildung im Heimatbuch 1976, S. 31.
Weiterhin wissen wir, dass zum Beispiel in folgenden Gebäuden Trottbäume standen: an dem zum Landhaus «Horn» gehörenden Gebäude an der General-Wille-Strasse 374.1, erbaut 1836 über einem um 1600 erstellten Keller; im 1789 erstellten Gebäude an der Winkelstrasse 28, nachgewiesen 1899; im Hausteil Auf der Burg 31, wo 1854 der ehemalige Trottraum zu Wohnzwecken umgebaut worden ist.
Alle diese Bauten überschreiten die Masse eines Kleinbaus zugegebenermassen deutlich.
Was sonst noch übriggeblieben ist
Tierarzt und Landwirt Robert Rathgeb, ab 1888 Eigentümer des Hofes «Just», erhob nicht nur den eigenen aufgegebenen Trottstein zum Denkmal, sondern sammelte hobbymässig auch weitere Trottsteine und reihte sie entlang der Pfannenstielstrasse auf, wo sie als Zeugen einer vergangenen Zeit, leider durch Wildwuchs von Gehölz zum Teil etwas versteckt, noch heute stehen.
Damit endet nicht nur dieser Beitrag, sondern die ganze Serie.
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