Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Facetten der Esskultur im Alltag

Die neue Ausstellung im Ortsmuseum feierte am Freitag Eröffnung. Besuchen kann man sie erfreulicherweise bis in den Herbst hinein, denn es gibt einiges zu entdecken. Das Thema: Facetten unserer Esskultur. En Guete!

Zur Vernissage fanden sich viele Neugierige ein: Essen ist etwas, das alle betrifft, interessiert und beschäftigt. Deshalb lag es Kuratorin Julia Hübner auch sehr am Herzen, dass man bei dieser Ausstellung an vielen Stationen selber mitmachen, etwas beitragen kann.

Die Einladung kam an: Schon vor dem eigentlichen Beginn des Abends überlegten sich Besucherinnen und Besucher, was ihr Lieblingsessen ist und schrieben oder zeichneten dann «Spaghetti mit roher Tomatensauce», «Lakritze», «Lamm-Huft» oder «Sushi» auf die bereitliegenden Pappteller auf einem der Esstische im Erdgeschoss. Sehr schnell entdeckt wurden auch die verschiedenen Gefässe – von Suppenschüssel bis Erntekorb –, die mit Schoggitäfeli, Kägi Fretli und Rahmzältli gefüllt sind. Bei diesen Süssigkeiten darf man sich zur Belohnung bedienen, wenn man an einer Station etwas beigetragen hat. «Wie passend, ich habe Schokolade als Lieblingsessen aufgeschrieben», freute sich eine Frau und schnappte sich eine kleine Toblerone aus dem Suppentopf.

Der Leckerbissen des Abends

Im Gewölbekeller begrüsste OMM-Präsidentin Daniela Fluder die Anwesenden und bedankte sich beim fünfköpfigen Ausstellungsteam mit Projektleiterin Julia Hübner sowie bei den unzähligen Heinzelmännchen, die mitgeholfen haben, die Ausstellung zu realisieren. Speziell wies sie auf den anschliessenden, von Katie Halter organisierten Apéro im Obergeschoss hin: «So etwas hat es hier noch nie gegeben!». Das weckte natürlich Interesse.

Trotzdem durfte sich der Autor und Foodscout Dominik Flammer über ein aufmerksames Publikum freuen. Angekündigt als «Leckerbissen des Abends» schöpfte er aus dem Vollen. Ohne Manuskript und mit nur ein paar Stichworten auf dem Smartphone als Gedankenstütze reiste er in seinem Vortrag von Käse zu Schokolade, von der Küche der Regionen zur Schweizer Küche und von historischen (Un-)Wahrheiten auf Stillleben zum Essen als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen.

Er habe in der Ausstellung gleich als erstes etliche «Guilty Pleasures wie Hero-Ravioli» gesehen, bemerkte er zum Einstieg. «Wer hat schon einmal Hero-Ravioli gegessen? Und wer ass sie kalt direkt aus der Dose?», fragte er ins Publikum. Es hoben sich nicht wenige Hände im eher älteren Publikum. Essen als Kulturgeschichte auf dem Teller.

Ein unerschöpfliches Thema

Dominik Flammer beschäftigt sich seit bald 30 Jahren mit der Geschichte der Ernährung und von Lebensmitteln und sagt, er sei vom Thema des Essens als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen nach wie vor absolut fasziniert. Neben dem preisgekrönten Buch «Schweizer Käse» ist von ihm das vierbändige Werk «Das kulinarische Erbe der Alpen – eine Ernährungsgeschichte des Alpenraums» besonders bekannt; 2018 war er für die Ausstellung «Was isst die Schweiz?» im Landesmuseum mitverantwortlich.

Flammer hätte übrigens kein Lieblingsessen auf einen Pappteller schreiben können: «Erstens habe ich alles gern, zum Beispiel auch Innereien, und zweitens ändern sich meine Vorlieben ständig. Im Frühling reizt mich frischer Löwenzahnsalat, zu anderen Zeiten eher etwas Handfesteres.» Schliesslich ist Essen auch Seelennahrung.

Esskultur sei ein unerschöpfliches Thema, sagte Kuratorin Julia Hübner, es habe mit Erinnerungen, Identität und Ritualen zu tun, erzähle von Gewohnheiten und Trends: «Insofern ist die Ausstellung eigentlich eine kuratierte Kostprobe, wo Alltägliches neben Besonderem zu entdecken ist.»

Schweizer Degustation

Doch nun ging es endlich zum geheimnisvollen Apéro im Obergeschoss, der sich als rein schweizerische Degustation entpuppte. Es gab neben Käse-Würfeln nämlich das halbe Sortiment des Meilemer Migros-Produktionsbetriebs Delica zu kosten, von Blévita in allen Geschmacksrichtungen über Guetzli und Fasnachtschüechli bis hin zu Apérogebäck. Und in einer Ecke wurden tatsächlich auch Hero-Ravioli gereicht, allerdings nicht kalt aus der Dose, sondern heiss aus dem Topf. Der typische Ravioliduft schien zu wirken, sie fanden reissenden Absatz.

Erst nach und nach bewegte sich das Publikum dann auch in die anderen Räume des Ortsmuseums, so etwa in den zweiten Stock, wo man Zeitzeugen-Videos zu Esskultur hören kann und wo Kinder in einer eigenen Spielecke Verchäuferlis spielen können.

Im Erdgeschoss wird der «Wired Cooker» präsentiert, der Kochtopf der Zukunft dank Temperaturkontrolle, es gibt eine Zeitreise durch die Schweizer Küche oder eine Gegenüberstellung von globaler und regionaler Küche.

Rezept für Müüslichüechli

Speziell der Nahrungsmittelproduktion in Meilen ist ein Raum gewidmet, wo unter anderem die süssen «Meilener Rollen» der Delica ausgestellt sind (sie werden seit 1958 unverändert produziert) und Liköre vom Biohof Bannacher sowie Milchprodukte vom Hof Arbach gezeigt werden. Sogar ein Rezept für «Müüslichüechli» (Salbeiblätter im Bierteig, es gibt sie jeweils an der Suuserchilbi) kann man abrufen, wie überhaupt viele Informationen via QR-Code verfügbar sind, unter anderem auch die Geschichte von rund 20 typisch schweizerischen Nahrungsmitteln – inklusive der berühmten Hero-Ravioli aus der Büchse, die ausgestellt sind und Dominik Flammers Erinnerung gekitzelt hatten.

Mit Werken dreier Künstler

Im Kellergewölbe sind alle eingeladen, ihr eigenes Stillleben zu gestalten. Sind die zur Verfügung gestellten Früchte, Gemüse, Nahrungsmittelpackungen oder Utensilien auf Etagèren oder Tellern erst einmal arrangiert, erledigt die KI den Rest und macht daraus ein barockes, surrealistisches oder modernes Bild. Dazu kommen Infos über Stillleben im Wandel der Zeit.

Witzig ist der mit gestrickten Lebensmitteln von Madame Tricot gefüllte Kühlschrank. Neben ihr stellen zwei weitere Künstler ihre Werke aus: Fotografin Katharina Lütscher präsentiert ein farbiges, leuchtendes Stillleben sowie (nicht essbare) Jellys und Gelees; von Micha Aregger zu sehen ist ein gigantischer Blumenkohl und ein noch grösserer «Neuer Fruchtkörper», der im Vorgarten des Ortsmuseums aufgestellt wurde und auf die farbige Ausstellung aufmerksam macht.

«En Guete! Facetten unserer Esskultur», offen bis 4. Oktober jeweils samstags und sonntags 14.00 – 17.00 Uhr, Eintritt gratis. Ortsmuseum Meilen, Kirchgasse 14, Meilen. Die Ausstellung ist Teil des Meilemer «Kulturjahres».

Rahmenprogramm mit diversen Veranstaltungen:

www.ortsmuseum-meilen.ch

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