Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
Die Bäckerei/Konditorei Brandenberger mit Café prägte mehr als 20 Jahre lang den nördlichen Eingang zur Kirchgasse. Doch bald ist Schluss: Am Samstag, 18. April werden zum letzten Mal im Laden Brote, Kleingebäck und Patisserie verkauft und im zürichseitigen Teil Kaffee und Tee serviert.
Dass Markus und Vreni Brandenberger ihr Geschäft aufgeben, hat sich in Meilen herumgesprochen. «Also ich komme dann schon nochmals…» sagt eine ältere Dame, als sie ihre Quarktorte bezahlt. «Es geht ja noch mehr als einen halben Monat», antwortet Vreni Brandenberger schon fast tröstend, als sie im Laden das Herausgeld überreicht.
Das Geschäft lief gut
Ihr Mann Markus und sie führen die Bäckerei und Konditorei seit 2004. Damals gaben sie ihr Geschäft an der Seestrasse in Obermeilen vis-à-vis des «Hirschen» auf, das Markus’ Vater Paul – ebenfalls ausgebildeter Bäcker/Konditor/Confiseur – 1969 übernommen hatte. Es fehlte zunehmend die Laufkundschaft. An der Kirchgasse lief das Geschäft hingegen bis zuletzt gut, wie Markus Brandenberger nicht ohne Stolz betont. Dass er den Betrieb schliesst, liegt daran, dass der langjährige Mietvertrag ausläuft und dass er und seine Frau ohnehin bald pensioniert würden, beide sind 64 Jahre alt.
Sie freuen sich auf ein Leben ohne Nacht- und Sonntagsarbeit und mehr Zeit fürs Sozialleben und für Hobbys wie Wandern oder Gärtnern. Markus Brandenberger steht bis zuletzt jeweils ab 0.30 Uhr in der Backstube im Untergeschoss und geht am Mittag um 13 Uhr ins Bett. Gegen Abend steht er kurz auf, bevor er sich noch einmal hinlegt.
Seine Arbeit liebt er noch immer, auch nach langer Berufstätigkeit. Am 18. April 1991 hat er das Geschäft von seinem Vater übernommen, also auf den Tag genau 35 Jahre vor der bevorstehenden Schliessung. Viele der Maschinen, die in der Backstube stehen, sind noch viel älter als drei oder vier Dekaden und stehen regelmässig in Betrieb, so zum Beispiel der Langwirker. Damit werden runde Teiglinge vor der Weiterverarbeitung gleichmässig in eine längliche Form gebracht: «Ich brauche ihn vor allem für Zöpfe», sagt Markus Brandenberger und tätschelt den metallenen Zeitzeugen liebevoll.
Was aus dem Langwirker wird, ist noch nicht klar – er ist fast schon ein Museumsstück. «Vielleicht bekommt er ein Plätzchen auf einem Hof, wo fürs Wochenende Zopf produziert wird», hofft Brandenberger, «er funktioniert nämlich noch tipptopp.»
Auch die Filiale Männedorf schliesst
Dank einem grossen Ofen mit vier Etagen ist es im Untergeschoss immer schön warm, und es duftet herrlich nach Backwaren. Hier entstehen neben den Broten auch Spezialitäten wie die Meilemerwäppli und die Mandelentli. «Ich hätte die Rezepturen dafür verkaufen können, aber das will ich nicht», sagt Markus Brandenberger.
Stattdessen hat er die Rezepte seinem ältesten Sohn übergeben, der ebenfalls Bäcker/Konditor gelernt hat und seit Anfang Jahr mit Vollgas aushilft, seitdem die angestellte Bäckerin krankheitshalber ausgefallen ist. In den allerbesten Zeiten arbeiteten in der Backstube bis zu sechs Personen. Auch die Filiale in Männedorf wird geschlossen, da die dortige Filialleiterin in Pension geht.
Die Zukunft der Bäckerei ist offen
«Wir hatten es jahrelang gut hier und wir haben es bis zum Schluss gut», sagt Brandenberger, «man darf jetzt nicht sentimental werden.» Er sagt aber auch mit Berufsstolz, dass es nicht mehr viele Bäckereien gebe wie seine, wo noch fast alles selber hergestellt wird. Er habe immer mit Leidenschaft gearbeitet und gerne auch spezielle Kundenwünsche erfüllt. Die alten Meilemer, die schon seit Jahrzehnten bei ihm einkauften, würden jetzt schon fast Hamsterkäufe tätigen und noch die eine oder andere nach altem Rezept gebackene Torte auf Vorrat einfrieren.
Es macht ihn traurig, dass eine geplante Nachfolgelösung sich zerschlagen hat: Momentan ist völlig offen, wie es an der Kirchgasse 55 weitergeht und ob nach über hundert Jahren erneut eine Bäckerei einzieht – die erste gab es im Gebäude bereits 1923, und viele Meilemer erinnern sich noch an die langjährige Bäckerei Heinzelmann.
Sicher ist, dass Brandenbergers auch aus der Wohnung oberhalb des Geschäfts ausziehen. Ihre neue Heimat wird in einer Mietwohnung im Toggenburg sein, mit Blick in die Berge.
Rampenverkauf am 2. Mai
Backwaren wie etwa Torten wird Markus Brandenberger noch bis Mitte April frisch herstellen, und Vreni Brandenberger verkauft die Vanillerosen, Schoggigipfel, Erdbeertörtli, Cremeschnitten, römische Apfeltorten und vieles mehr «solangs hät». Jetzt aktuell sind natürlich die Osterhasen, in alten Formen von Hand gegossen und einzeln von Hand bemalt.
Wer sich eine bleibende Erinnerung an «den Brandenberger» ins Haus holen will, sollte am Samstag, 2. Mai den Rampenverkauf im Café besuchen. Dort wird neben klassischen Osterhasenformen das ganze Inventar verkauft: Möbel aus dem Café, Geschirr, Tabletts, Besteck, Dekomaterial, aus der Backstube Kleinwerkzeuge und diverse Geräte bis hin zu Hot-Dog-Maschinen, Kühlschränken oder Tiefkühlern – das alles «zu kulanten Preisen», wie Markus Brandenberger sagt. Nicht mehr zu haben sind allerdings die schönen Leuchten im Jugendstil, die im Café an der Wand hängen. Sie sind bereits für einen Kunden reserviert.