Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Der Gedenkbrunnen ist wieder schön

Am letzten Montag wurde in Obermeilen an der Seestrasse ein Meilemer Brunnen (wieder) eingeweiht, über den es einiges zu erzählen gibt.

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Wie Ortshistoriker Peter Kummer den versammelten Gästen ins Gedächtnis rief, liegt dem Brunnen ein Unglück zugrunde, das leicht zur Katastrophe hätte werden können: Am 29. August 1872 befand sich nämlich die ganze Schuljugend von Meilen – damals rund 450 Kinder samt Lehrern und Behördenmitgliedern – auf dem Extraschiff «Concordia», als es vor Obermeilen das Kursschiff «St. Gotthard» rammte. Die «Gotthard» sank sofort, die ebenfalls schwer beschädigte «Concordia» erreichte immerhin noch den rettenden Steg. Erstaunlicherweise gab es nur zwei Opfer, wofür man in Meilen selbstredend sehr dankbar war. Doch erst 1898 entstand ein erstes Denkmal in Form eines Obelisken, 1941 folgte dann der Brunnen, um den sich am Montag alles drehte.

Zu gut gesäubert

Dieser stand ursprünglich südlich der Seestrasse, bis er wegen umfassenden Sanierungsarbeiten an der Strasse durch den Kanton 2022 entfernt wurde. Und, freundlicherweise, auch gesäubert. Allerdings zu gründlich, denn dem Kunststein bekam die Behandlung schlecht. Wie Marc Hefti, Leiter Tiefbau, erzählte, war das Gesicht der Figur nun so abgeschliffen und schlecht zu erkennen, dass ein Künstler zu Hilfe gerufen wurde: Hans Baumann, Stone Artist aus Herrliberg, nahm sich des Problems an. Er erstellte ein Negativ der Figur aus Silikon und goss sie neu – wie gehabt aus Kunststein. Ausserdem erhielt der Brunnenkörper einen leicht gewölbten «Deckel», und der Text auf der Seite wurde frisch Buchstabe für Buchstabe von Hand neu graviert. Sogar ein «Täfeli» mit dem Namen des Schöpfers des Brunnens (siehe dazu nachfolgendm «Die Brunnenfigur von 1941» von Peter Kummer ) wird gemäss Gemeinderat Alain Chervet noch folgen. Und ein schönes Plätzchen bekam der Brunnen auch, er ist nun bergseits der Seestrasse gegenüber der Liegenschaft Im Dörfli 2 direkt am Äusseren Dollikerbach viel besser zu sehen als vorher.

Der Urgrossvater war ein Held

Anwesend war am Montag übrigens auch Matteo Brändli, dessen Urgrossvater Eduard Brändli (1834-1872) als «wackerer Brändli» und Held in die Annalen der Geschichte einging. Denn der Kassier der «Concordia» rettete zahlreichen Passagieren das Leben, ehe er selber zum Opfer wurde. Eduard Brändli war als 28-Jähriger zum Zeitpunkt seines Todes bereits Vater von sechs Kindern, darunter Oskar, der Grossvater von Matteo Brändli. Matteo Brändli verbrachte seine Kindheit und Jugend in Italien und wohnt heute in Uster; in seiner Familie wurde das Gedenken an den Vorfahren immer lebendig gehalten.

Bevor es zum liebevoll zubereiteten Apéro ging, berichtete Ortshistoriker Peter Kummer den Anwesenden, was er bei seinen Recherchen betreffend den Schöpfer des Gedenkbrunnens Erstaunliches herausgefunden hat und erhielt zum Dank von Alain Chervet eine Meilemer Wasser-Trinkflasche, die er auch gleich am Brunnen mit frischem Wasser füllte. Den Beitrag von Peter Kummer drucken wir hier wortwörtlich ab.

Die Brunnenfigur von 1941

Der erwähnte Obelisk hätte in den 1930er-Jahren wegen der Strassenkorrektion und -verbreiterung verschoben werden sollen, wobei er zerbrach («in Trümmer ging»). Jahrelang ging anscheinend gar nichts, bis sich Adrian Boller als damaliger Schulpräsident der Sache annahm. Aber welche Rolle hat er dabei gespielt? Das wusste man bisher nicht. Denn Bildhauer war er jedenfalls nicht.

Im August 1940 legte Adrian Boller, Schulpräsident 1936–1942, der Behörde einen von ihm selbst stammenden Entwurf für einen Ersatz des Denkmals vor, jetzt in Form eines Brunnens mit einer wasserspendenden Mädchenfigur. Dank Rudolf Pfenninger wissen wir sogar, wen die Mädchenfigur darstellte. Rudolf Pfenninger ist Neffe der vor einigen Jahren verstorbenen Marcelle Ambühl, geborene Egli. Gemäss ihrer Erinnerung hatte damals dafür eine Mitschülerin und lebenslange Freundin Modell gestanden (bzw. gekniet), nämlich die unterdessen ebenfalls verstorbene Annemarie Bischofberger, später verheiratete Bruder. Sie war zur Zeit der Denkmalentstehung elfjährig.

Bollers Entwurf fand in der Schulpflege sofort «freudige Zustimmung». Als umsichtiger Präsident hatte Boller zusätzlich vorgesorgt und erreicht, dass die gewerblichen Betriebe der Gemeinde (heute «Infra») nicht nur die Installation der Wasserzuleitung, sondern auch «die dauernde Lieferung des Wassers zu ihren Lasten» zusicherte. Damals entschied sich die Pflege noch einstimmig für eine Ausführung in Naturstein (Muschelkalk).

In der Schulpflege selbst ruhte dann das Geschäft ein volles halbes Jahr. Zwischenzeitlich hatte eine benachbarte Grundstückbesitzerin der Schulgemeinde ein kleines Stück Land für die Errichtung der kleinen Anlage geschenkt. Indes kam die Schulpflege auf ihren ursprünglichen Beschluss zurück und beschloss nun «mit Rücksicht auf die Kostenersparnis» mehrheitlich eine Ausführung bloss noch in Kunststein. Im Rückblick über die Jahrzehnte gesehen, sollte sich dies allerdings gar nicht als Kostenersparnis erweisen…

In Berichten über die Fertigstellung und Aufstellung der neuen Anlage Ende 1941 wurde in der Presse damals berichtet, die Figur sei ein Werk von Adrian Boller, und so wurde es bisher auch allgemein kolportiert. Aber dies kann nicht stimmen, denn von Boller ist kein einziges weiteres bildhauerisches Werk bekannt. Auskunft geben die Akten.

Aus den 1941 genehmigten detaillierten Offerten und aus der Bauabrechnung von Anfang 1942 geht Folgendes hervor: Dort wird ein «Steinhauer bzw. Kunststeinfabrikant Handloser-Obermeilen» aufgeführt, ebenso von Boller selbst ein «Gipsabguss des gratis abgelieferten Tonmodells» und die «Ueberarbeitung d. Kunststeinausführung». Damit ist klar geworden, was neben dem zeichnerischen Entwurf als Kunstwerk konkret alles von Boller stammt: eben das Tonmodell der Mädchenfigur, die Lieferung des Gipsabgusses davon und schliesslich die Feinarbeit an der von Handloser gelieferten Kunststeinplastik.

Anzunehmen ist, dass Adrian Boller (1882–1972) das Tonmodell wirklich selber geschaffen hat, war er doch immerhin Architekt, Grafiker, Kunstheraldiker, Bühnenbildner und Hobbymaler, also durchaus eine Art Tausendsassa, nur eben nicht Bildhauer. Aber ein dreidimensionales Modell aus Ton hat er doch formen können, woraus dann ein anderer Künstler eine wettertaugliche Plastik schuf. Eine eigentliche Einweihung scheint damals nicht stattgefunden zu haben.

Und diese Plastik stand bis 2022 im Schinhuet seeseits der Seestrasse, bis wiederum Bauauarbeiten, diesmal wegen Erneuerung der Brücke über den Äusseren Dollikerbach, eine Änderung bedingten.

/Peter Kummer

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