Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen

Dorfrundgang durch Bergmeilen

Mehr als 200 Personen nahmen letzten Samstag am Dorfrundgang des Vereins Heimatbuch Meilen teil. Jedes Jahr wird ein anderer Bereich der Gemeinde besucht, heuer war Bergmeilen an der Reihe, besser gesagt das Gebiet rund um den Weiler «Burg».

Die Gruppen wurden geleitet von Susy Brupbacher und Ruedi Pfenninger, Werner Wunderli und Daniela Fluder, Roman Schmucki und Barbara Zimmermann, Alain Chervet und Francesca Carabelli sowie Hans Isler, hier – mit gelber Weste – beim Sodbrunnen der Burg Friedberg. Fotos: MAZ

Mittlerweile läuft die Organisation der Rundgänge wie ein gut geöltes Uhrwerk. Die angemeldeten Teilnehmer besammelten sich bei schönstem Sonnenschein auf dem Parkplatz vor der Wirtschaft zur Burg (etliche waren mit dem eigens organisierten Sammelbus aus Dorfmeilen gekommen), wurden auf fünf Gruppen verteilt und mit einem Tourguide-System ausgestattet, damit alle gut verstanden, was erklärt wurde. Weil diesmal die Runde fast ausschliesslich durch verkehrsfreies oder verkehrsarmes Gebiet führte, waren die Kopfhörer dann gar nicht unbedingt nötig.

Nur noch ein einziger Bauernhof

Einer der Führer war der ehemalige Gemeindepräsident und Heimatbuch-Präsident Hans Isler. Er ist selber auf der «Burg» aufgewachsen. «Als ich ein Kind war, gab es hier noch acht Bauern», erinnerte er sich, sein Vater war einer davon. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft ist deutlich sichtbar: Geblieben ist ein einziger landwirtschaftlicher Betrieb, der Burghof. Betriebsleiter Ueli Dolder gab ein paar Einblicke in seinen Alltag.

Er hat seinen Hof 1995 in fünfter Generation übernommen und vergrössert, von 13 ha auf 34 ha, was in Meilen als guter Durchschnitt gilt. Ein Drittel der Fläche ist Ackerland mit Weizen, Gersten, Raps, Erbsen und Mais, dazu kommen Kartoffeln und Gartengemüse. Der Rest ist Grasland für die Kühe. Wegen der Trockenheit und dem dadurch fehlenden Futter verfüttert Ueli Dolder bereits jetzt die «Konserven» vom Frühling, die eigentlich über den Winter reichen sollten. Wenn der Herbst keinen Regen bringe, müsse er Tiere verkaufen oder metzgen, weil er kein Futter kaufen will – dieses ist aktuell extrem teuer. Als nächstes wird nun aber im ehemaligen Feuerwehrhaus gleich nebenan Most aus dem Ertrag der 170 Obstbäume gebrannt, und auch externe Kunden bringen ihre Äpfel und Birnen vorbei.

Stammvater Bernhard Wunderli

Was sich seit über zweihundert Jahren kaum verändert hat, ist das Gesicht des Weilers. Noch immer sind es zehn Wohnliegenschaften und dazugehörende Ökonomiegebäude, die sich hübsch links und rechts der Burgstrasse gruppieren. Bis ins 18. Jahrhundert hiess der Weiler übrigens «Friedberg», entsprechend dem Namen eines früher bestehenden, sehr stattlichen Hofes. Dieser wurde 1593 vom zugezogenen Feldner Bernhard Wunderli gekauft – teils aus der Mitgift seiner Frau Barbara Schnorf, einer Tochter aus wohlhabendem Feldner Haus. Er war der Stammvater der «Wunderli von der Burg». Über mehrere Generationen hinweg waren ausschliesslich Bernhard Wunderlis Nachkommen im Weiler wohnhaft, und die Familie gehörte zu den reichsten in der Zürichseegegend. Wunderlis wohnen bis heute auf der Burg, so etwa Werner Wunderli, ehemaliger Präsident des Ortsmuseums. «Man könnte den Weiler fast ‘Wunderliwil’ nennen», meinte Hans Isler augenzwinkernd.

In der Bau- und Zonenordnung (BZO) von 2021 ist der Weiler Burg übrigens als «Kernzone Weiler» ausgewiesen. Neubauten sind ausgeschlossen, denn «die heutige Erscheinung und Identität ist beizubehalten.» Die meisten Bauten stehen zudem unter irgend einer Form von Denkmalschutz.

Lederne Handschuhe als Fundstücke

Mit Stopps bei Sennhütte und Feuerwehrgebäude, beim Brunnen, bei der wunderschönen Wirtschaft zur Burg (erbaut 1676) sowie bei den Häusern Unterburg und Oberburg ging es zur Burgruine Friedberg, die zwischen den Gebäuden und dem Meilemer Dofbachtobel liegt, vermutlich um 1200 entstand und schon um 1390 als Ruine bezeichnet wurde. Hier faszinierte vor allem der 29 Meter tiefe Sodbrunnen, das entspricht etwa einem achtstöckigen Gebäude. Weshalb ausgerechnet dieses in Bau und Unterhalt aufwändige System gewählt wurde, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Schliesslich ist der Schacht bloss 1,3 Meter breit, das heisst, nur jeweils ein Mann aufs Mal konnte das Material in mühseliger Handarbeit aus dem Sandsteinfelsen hauen. Stockdunkel und feucht war es ebenfalls, und irgendwann wurde in der Tiefe der Sauerstoff knapp.

Archäologische Ausgrabungen im Sodbrunnen brachten 1978 reiche Ausbeute, vor allem lederne mittelalterliche Fausthandschuhe galten als Sensation. Neben dem grossen Schlüssel für das Burgtor fand man Alltagsgeschirr aus Holz, Kleidung aus Wolle, Leinen, Hanf oder Leder, ausserdem Schuhe und Speisereste wie Jagdwild, Steinobst, Nüsse, Eicheln und sogar Pfirsiche. Weshalb auch zwei Kupferkessel im Sodbrunnen landetet, die damals sehr wertvoll waren, weiss man nicht.

Geplant als Ausflugziel

Im Dorfbachtobel staunten die Besucher dann vor allem über die Geschichte des Meilemer Tierparks, der 1909 bis 1928 bestand und sich unterhalb des Hinterburgranks befindet, an schattiger Stelle beim Bach. Im 1898 gegründeten und inzwischen aufgelösten Verkehrs- und Verschönerungsvereins Meilen (VVM) war man der Meinung, dass ein Tierpark mit Hirschen ein schöner Ausflugs- und Anziehungspunkt sein würde. Während fast 20 Jahren lebten zahlreiche Damhirsche, Sikka-Hirsche und sogar Rehe innerhalb des Drahtgeflechts (die ersten zwei Tiere trugen die schönen Namen Diana und Alex), es gab aber auch Ausbrüche, Todesfälle infolge Überfütterung der Tiere mit Brot durch die Besucher und sogar Vandalismus an der Anlage, die auch Ruhebänke und einen Brunnen umfasste. Die Überreste des Brunnens sind heute noch zu sehen, wenn man weiss, wo sie zu suchen sind.

Via Gerbi-Reservoir, das heute als Party-Location dient und gemietet werden kann, und restaurierter Brückenwaage – sie funktioniert wieder, ist aber nicht amtlich geeicht – ging es dann nach knapp drei Stunden zurück in Richtung Wirtschaft zur Burg, wobei es noch für einen Einkauf in Ueli Dolders Hofladen reichte. Dort gibt es unter anderem Eier von den hundert Hühnern des Burghofs oder frische Feigen.

Bei der «Burg» wartete schon ein liebevoll angerichteter Apéro auf die Rundgänger. Über die schattenspendenden grossen Schirme waren alle froh, und es war friedlich, in «Wunderliwil» im schönen Garten zu sitzen und mit bekannten und unbekannten Tischnachbarn zu plaudern.

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