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Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
Am vergangenen Montag fragte ich beim Mittagessen einen Freund, der ein Unternehmen leitet und Mitglied der reformierten Kirche ist: «Verzeih mir die Frage, aber weisst du, was wir am kommenden Pfingstsonntag in der Kirche feiern?» Nach kurzem Überlegen kam die Antwort direkt und ehrlich: «Nein, ich weiss es nicht. Weihnachten kennt jeder, Ostern irgendwie auch, und unter Auffahrt kann man sich zumindest noch etwas vorstellen. Aber Pfingsten?»

Pfingsten dürfte tatsächlich das unbekannteste christliche Fest sein, selbst für manche Kirchenmitglieder. Vielleicht hat das auch mit seinem seltsamen Namen zu tun. Pfingsten bedeutet ursprünglich «der fünfzigste Tag» – gemeint ist der fünfzigste Tag nach Ostern.
Einander verstehen
Die biblische Pfingstgeschichte erzählt davon, wie der Geist Gottes an jenem Tag über die Jünger Jesu herabkommt und diese plötzlich in fremden Sprachen zu reden beginnen. Die Menschen in Jerusalem – ein Schmelztiegel verschiedener Völker und Sprachen – hören die Botschaft vom barmherzigen Gott nicht in der Sprache der Jünger, sondern in ihrer je eigenen. Das löst Erstaunen aus.
Pfingsten bedeutet: Gottes Geist verbindet Menschen zu einer neuen Gemeinschaft, ohne ihre Verschiedenheit aufzuheben. Verständigung entsteht nicht durch Uniformität, sondern mitten in bleibender Unterschiedlichkeit.
Versuchung der Uniformität
Die Bibel kennt dazu noch eine andere Geschichte, ohne die Pfingsten kaum verständlich wird: den Turmbau zu Babel. Dort geschieht genau das Gegenteil. Die Menschen versuchen, den Himmel zu erreichen – über Uniformierung. Alle sprechen dieselbe Sprache, teilen denselben Standpunkt und verfolgen dasselbe Ziel. Für Verschiedenheit bleibt kein Raum mehr. Aber gerade daran scheitert Babel. Am Ende verstehen sich die Menschen nicht mehr.
Zwischen diesen beiden Geschichten liegt eine erstaunliche Einsicht. Nicht Verschiedenheit zerstört Gemeinschaft, sondern der Versuch, Unterschiede auszulöschen. Uniformierung macht Menschen zu Trägern einer Meinung, einer Ideologie oder einer Zugehörigkeit. Der einzelne Mensch – und mit ihm das Menschliche als Massstab – gerät dabei aus dem Blick.
Vielleicht liegt darin eine der grossen Versuchungen jeder Zeit: die Vorstellung, die Welt könne gerettet werden, wenn nur endlich alle dieselbe Sprache sprechen und dieselben Überzeugungen teilen. Doch genau dort beginnt das Unheil von Babel.
Eine andere Form des Zusammenlebens
Pfingsten erzählt darum von einer anderen Möglichkeit des Zusammenlebens. Die Verschiedenheit bleibt bestehen – und dennoch wird Verständigung möglich. Nicht dort, wo Menschen gleich werden sollen, sondern dort, wo sie einander in ihrer Verschiedenheit wieder als Menschen begegnen. Pfingsten ist die Gewissheit, dass Verständigung und Frieden dort wachsen, wo Menschen unterschiedlich sein dürfen und dabei einander doch verstehen.
Übrigens meinte der Freund am Schluss unseres Gesprächs: «Eigentlich ist Pfingsten hochaktuell. Unsere Zeit wäre gar nicht so schlecht beraten, sich wieder mehr an die Bedeutung dieses Festes zu erinnern.»