Amtliches, obligatorisches Publikationsorgan der Gemeinde Meilen
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Mit einem atmosphärisch dichten Klavierabend, der ganz im Zeichen des diesjährigen Jahresmottos der Mittwochgesellschaft stand – nämlich «Kultur mit Biss» – begeisterte der junge spanische Pianist José María Inglés am vergangenen Freitag das Publikum im «Löwen.»

Der Künstler präsentierte ein fein abgestimmtes Programm mit Werken von unter anderem Frédéric Chopin, Modest Mussorgsky und dem selten gespielten ukrainischen Komponisten Borys Lyatoshinsky. Durch den Abend führte der Moderator und frühere SRF-Musikredaktor Andreas Müller-Crepon.
Zwischen poetischer Intimität und politischer Aktualität
Den Auftakt bildeten die «Nocturnes» von Frédéric Chopin, die Inglés mit feinem Anschlag, grosser Klangkultur und spürbarer Innigkeit gestaltete. So schuf er eine konzentrierte, beinahe intime Atmosphäre im Saal.
Einen eindrücklichen Bogen zur politischen Aktualität in der Ukraine spannte Andreas Müller-Crepon bei der Einführung zu den Werken von Borys Lyatoshinsky und Myroslav Skoryk. Lyatoshinsky komponierte die aufgeführten «Préludes», welche durch das Nachdenken über Leben und Tod geprägt sind, im Kriegsjahr 1942 in Moskau, nachdem er aufgrund der Besetzung der Ukraine durch die deutsche Wehrmacht hatte fliehen müssen.
Auch Skoryk komponierte seine «Melodie in a-moll», eine Filmmusik, unter starkem politischem Druck des Sowjetregimes Anfang der 1980er- Jahre. Die «Melodie in a-Moll» wurde in den letzten Jahren zu einem Emblem für die Schicksale vieler ukrainischer Familien. Mit diesem Hintergrundwissen erhielten die Stücke für die Zuhörerinnen und Zuhörer eine besondere Tiefe.
«Bilder einer Ausstellung» als klangliches Finale
Musikalischer Höhepunkt des Abends waren Modest Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung». Der monumentale Zyklus dieser Programmmusik entfaltete sich als eindrucksvolle Folge musikalischer Bilder, die Inglés mit grosser erzählerischer Kraft formte. Die wiederkehrenden «Promenaden» verbanden die einzelnen Stücke zu einem schlüssigen Ganzen, während in Sätzen wie «Das alte Schloss», «Samuel Goldenberg und Schmuÿle» oder «Die Hütte auf Hühnerfüssen» präzise Charakterisierung und farbenreicher Klangreichtum überzeugten. Im gewaltigen Schlussbild des «Grossen Tors von Kiew» steigerte sich die Dramatik zu einem mitreissenden Finale.
Andreas Müller-Crepon verstand es hervorragend, das Programm mit historischen und musikalischen Perspektiven zu umrahmen.
Langanhaltender Applaus der rund hundert Gäste im Saal belohnten die beiden Darbieter für einen gelungenen Abend – und für einen Auftakt, der dem Jahresmotto der Mittwochgesellschaft alle Ehre machte.
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