- Kolumne
- Beni Bruchstück
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Neulich sass ich in der Bar und trank ein Bier. Roger war guter Laune, als wir anstiessen.
«Vergangene Woche habe ich im Jazzclub ein Konzert gehört», begann er. «Das war einfach grossartig.» – «Kennt man die Band?», fragte ich. «Wohl kaum», antwortete Roger. «’The Hot Tea Pots› hiessen sie. Das sind ganz junge Musiker aus Norditalien. Sie spielten lauter Jazzstandards aus den 30er- und 40er-Jahren.» – «Was war denn das Besondere daran?» – «Die Selbstverständlichkeit, mit der sie Musik machten. Das war auf eine befreiende Art unspektakulär. Die haben sich einfach hingesetzt und – gespielt.» – «Aber das machen die anderen Bands doch auch», wandte ich ein. «Schon. Und die spielen bestimmt auch guten Jazz. Aber wenn sonst eine Jazzband ankommt, dann bauen die ihr Schlagzeug auf, richten die Verstärkeranlage ein, machen einen Soundcheck und so weiter. Die hier sind gekommen, stellten fünf Stühle auf die Bühne und begannen zu spielen.» – «Keine Verstärkung?» – «Nichts! Alles war unplugged.» – «Haben sie auch gesungen?», fragte ich neugierig nach. Und Roger bestätigte mir, was ich vermutete: «Ja, und das war insofern das einzige Problem, als die Gesangsstimmen nur schwer gegen die Instrumente ankamen. Sie sind sich wohl nicht gewöhnt, vor einem so grossen Publikum aufzutreten. In einem kleinen Club wäre das nicht aufgefallen. Andererseits hat das überhaupt nicht gestört, denn die Musik hat dich von Beginn an berührt.» – «Nochmals: Was war das Besondere daran?» Roger dachte nach. Dann sagte er: «Unprätentiös ist das Wort, das mir dabei immer in den Sinn kommt. Die wollten einfach Musik machen und die Menschen ihre Freude an der Musik spüren lassen. Und sie haben wunderbar harmoniert untereinander. Das ist im Publikum angekommen. Bei vielen bekannten Stücken war es, als hörte man sie zum ersten Mal.» Roger schwärmte noch lange von dem besonderen Konzertabend im Jazzclub. Doch nach dem zweiten Bier musste ich weiter. «Bis in einer Woche», sagte ich zu Jimmy, und der antwortete: «Bis nächste Woche.» Auf dem Nachhauseweg ging mir Rogers Begeisterung noch lange nach. Und ich dachte bei mir: Ist doch erstaunlich. Die Hot Tea Pots haben keinen politischen Vorstoss lanciert und auch nichts gegen den Klimawandel unternommen, und doch haben sie die Welt ein Stück weit verändert.
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